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Kanzler machen keine Aktienkurse

Am 24. September wird ein neuer Bundestag gewählt und damit über die nächste Kanzlerschaft entschieden. Viele Kommentare und Analysen gehen der Frage nach, welche Auswirkungen die Fortsetzung der Kanzlerschaft von Angela Merkel oder ein möglicher neuer Kanzler Martin Schulz auf Wirtschaft und Kapitalmärkte haben könnte. Aus Sicht der Sutor Bank ist diese Frage nicht sehr entscheidend. Wie eine Auswertung der Hamburger Privatbank zeigt, ist es mit Blick auf BIP (Bruttoinlandsprodukt) und Dax relativ egal, wer Kanzler ist.

Historische Werte vor Einführung des Dax (1987) auf Basis Hardy-Index (1959-1980) und Börsen-Zeitung-Index (1981-1986); graue Balken = BIP-Entwicklung; blaue Linie = Dax-Entwicklung

In den Anfangsjahren der Bundesrepublik wuchs die Wirtschaft im Zuge des Wiederaufbaus sehr stark. In den Jahren von Konrad Adenauers Kanzlerschaft (1949 bis 1963) lag das BIP-Wachstum stets im hohen einstelligen Prozentbereich, 1955 sogar zweistellig bei 12,1 Prozent.

Unter Adenauers Nachfolger, dem ehemaligen Wirtschaftsminister Ludwig Erhard (1963 bis 1966), zeichnete sich in Folge sinkender Arbeitsproduktivität und stark steigender Staatsausgaben der erste größere Wachstumseinbruch der Nachkriegszeit ab. Dieser schlug beim BIP allerdings erst 1967 (-0,3 Prozent) unter dem dritten Kanzler Kurt Georg Kiesinger (1966 bis 1969) durch.

Das BIP-Wachstum blieb in den Folgejahren auch unter den Kanzlern Willy Brandt (1969 bis 1974) und Helmut Schmidt (1974 bis 1982) stabil, mit tieferen Einschnitten jedoch 1975 (-0,9 Prozent) und 1982 (-0,4 Prozent) im Zuge der beiden Ölkrisen.

Der deutsche Aktienmarkt spiegelte die positive Entwicklung des BIPs bis Anfang der 1980er-Jahre jedoch nur bedingt wieder: Zwischen 1959 (Schluss-Stand: 417,79 Punkte) und 1981 (490,39 Punkte) gab es zwar viel Auf und Ab, über den gesamten Zeitraum gesehen trat der Aktienmarkt aber nahezu auf der Stelle. Erst ab Anfang der 1980er-Jahre setzten deutsche Aktien zu einem ersten Höhenflug an, der – abgesehen von einem größeren Rückschlag 1987 – mit dem Platzen der Dotcom-Blase zu Beginn des neuen Jahrtausends abrupt endete.

Beim Blick auf die einzelnen Jahre mit schwacher oder sogar negativer BIP-Entwicklung werden jedoch durchaus Parallelen zum Aktienmarkt deutlich. „Ein starkes Wirtschaftswachstum lässt sich zwar nicht im gleichen Verhältnis auf die Entwicklung am Aktienmarkt übertragen. Umgekehrt ist ein deutlicher Rückgang des BIP-Wachstums aber durchaus ein Indikator für ähnlich stark fallende Aktienkurse“, erklärt Lutz Neumann, Leiter Vermögensberatung der Sutor Bank.

Starke Aktien-Performance in der Kohl-Ära, Kursverdopplung unter Merkel
Blickt man auf die Entwicklung des Aktienmarkts in den einzelnen Kanzlerintervallen, so fällt die starke Performance des Dax in der Ära Helmut Kohl (1982 bis 1998) auf: Von Ende Dezember 1982 bis Ende Dezember 1998 legte der Dax rund 800 Prozent zu. Besonders gut liefen deutsche Aktien in seiner ersten Amtszeit (1982 bis 1986) mit 121 Prozent sowie in der letzten Amtszeit (1994 bis 1998) mit 117 Prozent. Insbesondere der Zuwachs in der letzten Amtszeit dürfte zu einem großen Teil auf die Entwicklung des Neuen Markts zurückzuführen sein. Das BIP entwickelte sich während der 16 Jahre Kanzlerschaft von Helmut Kohl eher moderat – Ende der 1980er-Jahre jedoch deutlich besser als in den 1990er-Jahren.

In die Ära von Kanzler Gerhard Schröder (1998 bis 2005) fallen das Platzen der Dotcom-Blase (2000) sowie die Folgen der Anschläge vom 11. September 2001. Von Dezember 1998 bis Dezember 2005 lag die Entwicklung des Dax demnach bei lediglich rund sieben Prozent.

Während der bisherigen Amtszeit von Angela Merkel als Kanzlerin hat sich demgegenüber der Dax mehr als verdoppelt. Trotz Finanzkrise ab 2009 legte der deutsche Aktienmarkt seit Ende 2005 kräftig zu und steht aktuell bei rund 12.000 Punkten. In allen drei bisherigen Regierungszeiten von Angela Merkel lag der Dax über die jeweils gesamte Dauer von vier Jahren betrachtet deutlich im Plus. Das BIP entwickelte sich unter Kanzlerin Merkel überwiegend stabil – in den vergangenen drei Jahren stets mit über 1,5 Prozent Wachstum –, mit einem scharfen Einschnitt jedoch im Jahr 2009 (-5,6 Prozent).

„Insbesondere in der zweiten Hälfte der Ära Helmut Kohl zeigte sich, dass sich die Aktienkurse massiv von der Entwicklung des Wirtschaftswachstums entkoppelt haben. Während in den Anfangsjahren der Bundesrepublik ein insgesamt starkes BIP-Wachstum mit eher seitwärts tendierenden Aktienkursen einherging, fällt in den 1990er-Jahren die starke Kursentwicklung im Vergleich zu einem niedrigen jährlichen BIP-Wachstum auf. Eine Art Friedensdividende wurde durch das Ende des Kalten Krieges und die Öffnung der Märkte erzielt“, erklärt Neumann. „Das Wiedererstarken des Dax insbesondere Mitte der 2000er-Jahre sowie Anfang der 2010er-Jahre lässt sich wiederum auch mit einem in dieser Zeit stärkeren BIP-Wachstum in Verbindung bringen.“

Begrenzter Einfluss der politisch Handelnden auf den Aktienmarkt
Die Auswertung zeigt, dass – ganz unabhängig vom politisch Regierenden – die BIP-Entwicklung durchaus einige Rückschlüsse auf die weitere Performance des Aktienmarkts zulässt. „Bei einer zu starken Abkopplung der BIP- gegenüber der Dax-Entwicklung ist aus Anlegersicht Vorsicht geboten“, sagt  Neumann. „Die jeweilige Regierung mag einen gewissen Einfluss haben auf das Wirtschaftswachstum und damit auch auf die Entwicklung von Aktienkursen, wie etwa beim Stützen der Automobilindustrie durch die Einführung der Abwrackprämie Anfang 2009. Doch es zeigt sich auch, dass nationale Aktienkurse schon immer im Schatten weltweiter Entwicklungen standen – wie etwa bei den Ölkrisen in den 1970er- und 1980er-Jahren, der Dotcom-Krise um die Jahrtausendwende oder auch bei der globalen Finanzkrise ab 2009. Aus der Performance des Aktienmarkts lassen sich daher kaum Rückschlüsse auf den wirtschaftlichen Erfolg oder Misserfolg einer Kanzlerschaft ableiten.“

Quelle: Sutor Bank