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Marktkommentar T. Rowe Price: Der chinesische Traum gewinnt an Konturen

In seiner Rede an den Kongress legte Staatspräsident Xi Jinping die Grundlage dafür, Chinas Fokussierung auf die jährlichen Wachstumsziele aufzuheben, um ab 2021 auf breiter Front das wirtschaftliche Ziel einer „Lebensqualität“ zu verfolgen. Das ist Bestandteil eines größeren Projekts mit dem Namen „Chinesischer Traum“. De facto bedeutet das aber, dass sich China noch immer verpflichtet, sein Bruttoinlandsprodukt und sein Pro-Kopf-Einkommen aus dem Jahr 2010 bis 2020 zu verdoppeln. Dieses Ziel hat sich das Reich der Mitte im Jahr 2012 gesteckt.

„Die Stärkung des Projekts ‚Chinesischer Traum‘ gibt der chinesischen Regierung nicht viel Raum, um ihre Wachstumsziele vor 2020 zu senken“, konstatiert Ju Yen Tan, Senior Fixed Income Portfoliomanager bei T. Rowe Price. „Wahrscheinlich hat das zur Folge, dass der Handlungsspielraum wegfällt, die Wachstumsrate vom aktuellen Niveau von 6,8 Prozent unter 6,3 Prozent fallen zu lassen.“

Leitzinsen dürften bis auf Weiteres stabil bleiben
„Über die vergangenen zwölf Monate hinweg bezog sich die gesamte politische Ausrichtung der regierenden Kommunistische Partei auf die allmähliche Straffung der Geldpolitik“, so Tan. Das habe zu höheren Zinsen bei lokalen Staatsanleihen geführt. Dem Experten zufolge dürfte die chinesische Zentralbank die Leitzinsen bis auf Weiteres wahrscheinlich nah am aktuellen Niveau halten. Zur Entschuldung habe sie hingegen auf Rechtsinstrumente zurückgegriffen und damit Druck auf das breitere Finanzsystem ausgeübt.

„Das hat bereits damit begonnen, dass handelbare Einlagenzertifikate in die Kalkulation bankenübergreifender Haftungsbeschränkungen aufgenommen werden“, sagt Tan. Während der Verbraucherpreisindex für China im Oktober im Einklang mit den Erwartungen stark zugelegt habe, sei der Erzeugerpreisindex schneller gestiegen als erwartet. Das liege an der chinesischen Umweltschutz-Kampagne, die einen Aufwärtsdruck auf die Preise ausgeübt habe.

Doch der Inflationsdruck sei nicht auf China begrenzt, so Tan. In Asien habe er auf breiter Front zugenommen. Bei internationalen Investoren werfe dies Fragen hinsichtlich der Attraktivität lokaler, asiatischer Staatsanleihen auf. „Lokale Anleihen aus Südkorea, Thailand und Hongkong werden wahrscheinlich durch stärkere Exporte und eine schleichende Inflation getroffen.“

Stärkeres Wachstum aus China habe 2017 auch den Währungsmarkt beeinflusst. „Nachdem sie Ende vergangenen Jahres gefallen waren, haben Chinas Devisenreserven – wenn auch auf niedrigem Niveau – wieder begonnen zu steigen, dabei den Renminbi gestärkt und geholfen, die Kapitalabflüsse unter Kontrolle zu behalten“, erklärt Tan. „Die relative Stärke des Chinesischen Renminbi hat der Region Währungsstabilität verliehen und dem US-Dollar geholfen, gegenüber den wichtigsten Währungen der entwickelten Märkte aufzuwerten. Auf kurze Sicht dürfte sich dieser Trend fortsetzen.“

Risikofaktoren liegen auch außerhalb Chinas
Dagegen bleibe der Einfluss des chinesischen Wachstums auf die Rohstoffpreise laut dem Experten weitgehend unbeachtet. Durch einen erhöhten Kapitalaufwand habe die Erholung der Rohstoffpreise unterstützend auf die globale Wirtschaft gewirkt, wobei viele Asset-Klassen, die an höhere Ölpreise gekoppelt sind, jüngst zurückgeblieben seien. „Der russische Rubel und in weiten Teilen auch der Markt für US-Staatsanleihen machten den Eindruck, als hätten sie den jüngsten Anstieg bei Rohstoffpreisen komplett ignoriert“, so Tan. Hinsichtlich der Leerverkaufs-Position beim russischen Rubel hatte der Portfoliomanager zuletzt empfohlen, Gewinne mitzunehmen.

Zu den Downside-Risiken für China zählen neben einer starken Verlangsamung der Wirtschaft auf dem Rücken des scharfen finanziellen Vorgehens der Regierung auch Zinserhöhungen der FED, die zu Kapitalabflüssen führen, und ein möglicher Handelskrieg zwischen den Vereinigten Staaten und China. Tan: „Auf der positiven Seite könnte sich globales Wachstum unterstützend auf die chinesischen Exporte auswirken, während sich die chinesische Wirtschaft gegenüber einem Schuldenabbau robuster erweisen dürfte als erwartet.“

Quelle: T. Rowe Price